Close

New articles

Warum sich so viele Jugendliche selbst verletzen

Interviewer: Herr Schmahl, viele Jugendliche in Deutschland verletzen sich selbst, indem sie sich schneiden, beißen, schlagen, verbrennen oder verbrühen. Warum tun sie das?

Schmahl: Manchmal liegt der Grund in der Person selbst. Etwa wenn der zugefügte Schmerz die Funktion hat, mit unangenehmen Emotionen besser umgehen zu können oder extreme Spannungen abzubauen. Autoaggression hat aber auch zwischenmenschliche Funktionen, die mit Kommunikation zu tun haben.

Anders gesagt: Manchmal können Jugendliche ihren Schmerz und ihr Leid gegenüber anderen nicht anders ausdrücken. Zudem werden Selbstverletzungen auch benutzt, um Aufmerksamkeit zu erzielen, unter anderem in sozialen Medien, etwa auf Instagram.

Interviewer: Wie viele Jugendliche sind davon betroffen?

Schmahl: Unter Teenagern sind Selbstverletzungen verbreiteter als gemeinhin angenommen. Mehr als 20 Prozent der Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 18 Jahren haben sich schon mindestens einmal selbst verletzt. Dass sich ein Jugendlicher aber regelmäßig und über einen längeren Zeitraum schwer verletzt, das geschieht deutlich seltener.

Interviewer: Wann brauchen Betroffene professionelle Hilfe?

Schmahl: Die Allermeisten machen das nur ein oder zweimal, manchmal aus Neugierde, vielleicht weil es im Freundeskreis Thema war oder sie Fotos auf Social Media gesehen haben. Dann merken sie: ›Das tut weh und bringt mir nichts‹ – und sie hören wieder auf. Nur etwa 20 Prozent von denen, die es ausprobieren, bleiben dabei und verletzen sich regelmäßig. Das sind diejenigen, die merken, dass sie so Spannungen abbauen können oder die damit kommunizieren. Hier besteht die Gefahr, dass es sich verselbstständigt und häufiger wird.

Und das ist ein Punkt, an dem Eltern intervenieren sollten, Hilfe anbieten und selbst Hilfe suchen sollten. Denn autoaggressives Verhalten kann schnell zur Sucht werden.

Interviewer: Für Eltern muss es entsetzlich sein, wenn sie feststellen, dass sich ihr Kind selbst Wunden zufügt.

Schmahl: Erst mal ja, aber es macht einen Unterschied, wie schwer die Verletzungen sind. Man spricht manchmal eher von Ritzen, oberflächlichen Verletzungen.

Es sind also nicht immer tiefe, schwere Wunden, die auch nicht immer gleich medizinisch behandelt werden müssen. Nur äußerst selten erfolgen die Verletzungen in suizidaler Absicht. Es ist also nicht so, dass Jugendliche, die sich selbst verletzen, sterben wollen. Das macht die Sache für Eltern nicht unbedingt besser, es ist aber wichtig zu wissen.

Interviewer: Was ist aus Ihrer Sicht die richtige Reaktion, wenn Wunden entdeckt werden?

Schmahl: Bei einem Vorfall müssen Angehörige, Freunde und Lehrerinnen und Lehrer reagieren. Die erste Frage: Muss die Person medizinisch versorgt werden, wie schwer ist die Verletzung, muss genäht werden? Dabei ist die Art der Kommunikation sehr wichtig. Eltern sollten mit Ruhe und Besonnenheit reagieren und versuchen, das Ganze nicht weiter zu dramatisieren – aber auch nicht, den Vorfall unter den Teppich zu kehren. Gemeinsam mit dem Jugendlichen sollte dann geschaut werden, wie Hilfe aussehen kann. Leider erleben wir es häufig, dass Eltern das Problem ihres Kindes gar nicht wahrhaben wollen.

Interviewer: Zumal das Thema sehr schambesetzt ist. Welche psychischen Störungen können zugrunde liegen?

Schmahl: Verletzten sich Jugendliche regelmäßig, entwickeln sich oftmals psychische Störungen, depressive Störungen und besonders häufig Borderline-Persönlichkeitsstörungen. Auch im Rahmen von sogenannten Trauma-Folgeerkrankungen finden wir oft Selbstverletzungen, wenn Jugendliche etwa sexuellen Missbrauch, körperliche oder psychische Gewalt erfahren haben. Das Phänomen tritt auch bei fast allen psychischen Störungen im jungen Erwachsenenalter auf, etwa bei Depressionen oder Angststörungen.

Interviewer: Inwieweit hat Selbstverletzung mit den Gefühlsstürmen der Pubertät zu tun?

Schmahl: Selbstverletzendes Verhalten tritt oft mit zwölf, 13 Jahren erstmals auf, die größte Häufigkeit gibt es im Alter von 15, 16, danach nimmt es wieder ab. Für manche Jugendliche hat etwa Schneiden die Funktion, mit Veränderungen in der Pubertät umzugehen. Wie das zusammenhängt, wissen wir noch nicht so genau. Und auch nicht, welche Hormone dabei eine Rolle spielen. Aber dass es etwas mit den biologischen Umstellungen in der Pubertät zu tun hat, das ist sicher.

Interviewer: Also ist niemand wirklich davor gefeit?

Schmahl: Ja, das kann man so sagen. Kommen verschiedene Faktoren zusammen, etwa die Trennung der Eltern, Probleme in der Schule und hat man zudem eine gewisse Veranlagung, kann es fast jeden treffen.

Interviewer: Welche Hinweise gibt es auf den Einfluss von Mobbing?

Schmahl: Mobbing, Stress in der Schulklasse oder mit Lehrern können Auslöser sein, gerade bei Jugendlichen, die eher zurückgezogen sind und ihre Probleme nicht offen kommunizieren können. Menschen mit geringem Selbstwertgefühl, die sich abgelehnt fühlen, neigen eher dazu, sich nach einem Mobbing-Erlebnis zu verletzen.

Interviewer: Nehmen die Fallzahlen insgesamt zu?

Schmahl: Das weiß die Forschung nicht so genau: Werden die Fälle heutzutage einfach nur genauer erfasst oder kommt es tatsächlich häufiger vor? Die meisten Forschenden gehen davon aus, dass es Selbstverletzungen in verschiedenen Formen schon immer gab, wahrscheinlich wurde darüber früher nur seltener gesprochen. Trotzdem denken die meisten Fachleute, auch ich, dass in den vergangenen Jahren gerade durch die Kommunikation in sozialen Medien die Zahlen steigen.

Interviewer: Auf Instagram oder TikTok veröffentlichen Betroffene Fotos ihrer Wunden, oft unter verharmlosenden Schlagwörtern. Wie groß ist der Einfluss von Social Media?

Schmahl: Ein Forschungsteam aus Wien hat dazu eine interessante Studie gemacht. Demnach gibt es zwei Tendenzen, wenn Jugendliche ihre Wunden und Narben posten. Zum einen ernten sie Bewunderung und Zuspruch. Es gibt aber auch das Gegenteil: Shitstorms und Beleidigungen.

Es geht also in beide Richtungen, und das ist wahrscheinlich das Fatale daran. Beides ist eine Form von Zuwendung, von Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit, egal ob positiv oder negativ, verstärkt unser Verhalten. Das ist einfach eine grundlegende Tatsache in der Psychologie.

Und das ist das Problem bei den sozialen Medien, man bekommt schnell sehr viel Aufmerksamkeit, die man im direkten Miteinander wahrscheinlich nicht kriegen könnte.

Warum sich so viele Jugendliche selbst verletzen

Interviewer: Herr Schmahl, viele Jugendliche in Deutschland verletzen sich selbst, indem sie sich schneiden, beißen, schlagen, verbrennen oder verbrühen. Warum tun sie das?

Schmahl: Manchmal liegt der Grund in der Person selbst. Etwa wenn der zugefügte Schmerz die Funktion hat, mit unangenehmen Emotionen besser umgehen zu können oder extreme Spannungen abzubauen. Autoaggression hat aber auch zwischenmenschliche Funktionen, die mit Kommunikation zu tun haben.

Anders gesagt: Manchmal können Jugendliche ihren Schmerz und ihr Leid gegenüber anderen nicht anders ausdrücken. Zudem werden Selbstverletzungen auch benutzt, um Aufmerksamkeit zu erzielen, unter anderem in sozialen Medien, etwa auf Instagram.

Interviewer: Wie viele Jugendliche sind davon betroffen?

Schmahl: Unter Teenagern sind Selbstverletzungen verbreiteter als gemeinhin angenommen. Mehr als 20 Prozent der Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 18 Jahren haben sich schon mindestens einmal selbst verletzt. Dass sich ein Jugendlicher aber regelmäßig und über einen längeren Zeitraum schwer verletzt, das geschieht deutlich seltener.

Interviewer: Wann brauchen Betroffene professionelle Hilfe?

Schmahl: Die Allermeisten machen das nur ein oder zweimal, manchmal aus Neugierde, vielleicht weil es im Freundeskreis Thema war oder sie Fotos auf Social Media gesehen haben. Dann merken sie: ›Das tut weh und bringt mir nichts‹ – und sie hören wieder auf. Nur etwa 20 Prozent von denen, die es ausprobieren, bleiben dabei und verletzen sich regelmäßig. Das sind diejenigen, die merken, dass sie so Spannungen abbauen können oder die damit kommunizieren. Hier besteht die Gefahr, dass es sich verselbstständigt und häufiger wird.

Und das ist ein Punkt, an dem Eltern intervenieren sollten, Hilfe anbieten und selbst Hilfe suchen sollten. Denn autoaggressives Verhalten kann schnell zur Sucht werden.

Interviewer: Für Eltern muss es entsetzlich sein, wenn sie feststellen, dass sich ihr Kind selbst Wunden zufügt.

Schmahl: Erst mal ja, aber es macht einen Unterschied, wie schwer die Verletzungen sind. Man spricht manchmal eher von Ritzen, oberflächlichen Verletzungen.

Es sind also nicht immer tiefe, schwere Wunden, die auch nicht immer gleich medizinisch behandelt werden müssen. Nur äußerst selten erfolgen die Verletzungen in suizidaler Absicht. Es ist also nicht so, dass Jugendliche, die sich selbst verletzen, sterben wollen. Das macht die Sache für Eltern nicht unbedingt besser, es ist aber wichtig zu wissen.

Interviewer: Was ist aus Ihrer Sicht die richtige Reaktion, wenn Wunden entdeckt werden?

Schmahl: Bei einem Vorfall müssen Angehörige, Freunde und Lehrerinnen und Lehrer reagieren. Die erste Frage: Muss die Person medizinisch versorgt werden, wie schwer ist die Verletzung, muss genäht werden? Dabei ist die Art der Kommunikation sehr wichtig. Eltern sollten mit Ruhe und Besonnenheit reagieren und versuchen, das Ganze nicht weiter zu dramatisieren – aber auch nicht, den Vorfall unter den Teppich zu kehren. Gemeinsam mit dem Jugendlichen sollte dann geschaut werden, wie Hilfe aussehen kann. Leider erleben wir es häufig, dass Eltern das Problem ihres Kindes gar nicht wahrhaben wollen.

Interviewer: Zumal das Thema sehr schambesetzt ist. Welche psychischen Störungen können zugrunde liegen?

Schmahl: Verletzten sich Jugendliche regelmäßig, entwickeln sich oftmals psychische Störungen, depressive Störungen und besonders häufig Borderline-Persönlichkeitsstörungen. Auch im Rahmen von sogenannten Trauma-Folgeerkrankungen finden wir oft Selbstverletzungen, wenn Jugendliche etwa sexuellen Missbrauch, körperliche oder psychische Gewalt erfahren haben. Das Phänomen tritt auch bei fast allen psychischen Störungen im jungen Erwachsenenalter auf, etwa bei Depressionen oder Angststörungen.

Interviewer: Inwieweit hat Selbstverletzung mit den Gefühlsstürmen der Pubertät zu tun?

Schmahl: Selbstverletzendes Verhalten tritt oft mit zwölf, 13 Jahren erstmals auf, die größte Häufigkeit gibt es im Alter von 15, 16, danach nimmt es wieder ab. Für manche Jugendliche hat etwa Schneiden die Funktion, mit Veränderungen in der Pubertät umzugehen. Wie das zusammenhängt, wissen wir noch nicht so genau. Und auch nicht, welche Hormone dabei eine Rolle spielen. Aber dass es etwas mit den biologischen Umstellungen in der Pubertät zu tun hat, das ist sicher.

Interviewer: Also ist niemand wirklich davor gefeit?

Schmahl: Ja, das kann man so sagen. Kommen verschiedene Faktoren zusammen, etwa die Trennung der Eltern, Probleme in der Schule und hat man zudem eine gewisse Veranlagung, kann es fast jeden treffen.

Interviewer: Welche Hinweise gibt es auf den Einfluss von Mobbing?

Schmahl: Mobbing, Stress in der Schulklasse oder mit Lehrern können Auslöser sein, gerade bei Jugendlichen, die eher zurückgezogen sind und ihre Probleme nicht offen kommunizieren können. Menschen mit geringem Selbstwertgefühl, die sich abgelehnt fühlen, neigen eher dazu, sich nach einem Mobbing-Erlebnis zu verletzen.

Interviewer: Nehmen die Fallzahlen insgesamt zu?

Schmahl: Das weiß die Forschung nicht so genau: Werden die Fälle heutzutage einfach nur genauer erfasst oder kommt es tatsächlich häufiger vor? Die meisten Forschenden gehen davon aus, dass es Selbstverletzungen in verschiedenen Formen schon immer gab, wahrscheinlich wurde darüber früher nur seltener gesprochen. Trotzdem denken die meisten Fachleute, auch ich, dass in den vergangenen Jahren gerade durch die Kommunikation in sozialen Medien die Zahlen steigen.

Interviewer: Auf Instagram oder TikTok veröffentlichen Betroffene Fotos ihrer Wunden, oft unter verharmlosenden Schlagwörtern. Wie groß ist der Einfluss von Social Media?

Schmahl: Ein Forschungsteam aus Wien hat dazu eine interessante Studie gemacht. Demnach gibt es zwei Tendenzen, wenn Jugendliche ihre Wunden und Narben posten. Zum einen ernten sie Bewunderung und Zuspruch. Es gibt aber auch das Gegenteil: Shitstorms und Beleidigungen.

Es geht also in beide Richtungen, und das ist wahrscheinlich das Fatale daran. Beides ist eine Form von Zuwendung, von Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit, egal ob positiv oder negativ, verstärkt unser Verhalten. Das ist einfach eine grundlegende Tatsache in der Psychologie.

Und das ist das Problem bei den sozialen Medien, man bekommt schnell sehr viel Aufmerksamkeit, die man im direkten Miteinander wahrscheinlich nicht kriegen könnte.