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Viele denken nicht daran, dass sie eine Depression haben könnten

Interviewer: Frau Simen, die Familiengründung sieht in der Werbung oder auf Instagram meistens so aus: Eine Frau schaut glücklich auf ihren Schwangerschaftsbauch hinunter, der Partner steht ebenfalls lächelnd daneben und legt seine Hand darauf. Aber es gibt Frauen, die sich während dieser Zeit ganz anders fühlen, unter Depressionen leiden. Wie viele sind betroffen?

Simen: Etwa zehn bis 15 Prozent der Frauen haben während oder nach der Schwangerschaft eine Depression.

Auch Frauen, die psychisch vollkommen gesund waren, einen großen Kinderwunsch oder vielleicht schon ältere Kinder haben, können betroffen sein. Viele denken gar nicht daran, dass sie eine Depression haben könnten. Deswegen fällt es manchen extrem schwer, die Erkrankung zu erkennen und zu akzeptieren. Es ist eben genau dieser öffentliche Hype vom Mutterglück, der unter Druck setzt und Schuldgefühle erzeugt, wenn man Elternschaft nicht so empfindet, wie sie beworben wird.

Interviewer: Wenn es ihnen in dieser Zeit nicht so gut geht, denken manche womöglich auch erst einmal, dass sie einen sogenannten Babyblues haben. Wie unterscheidet der sich von einer Depression?

Interviewer: Der Babyblues ist überwiegend hormonell bedingt: Kurz vor der Geburt sind viele Hormone im Körper der Frauen massiv erhöht, etwa das Schwangerschaftshormon Progesteron und das Östrogen. Nach der Geburt fallen diese Hormone schlagartig ab – teilweise sogar unter die Normalwerte. Das beeinflusst die Stimmung, die Frauen können instabiler, leichter gereizt werden, sie weinen schnell, etwa wenn sie etwas Trauriges im Fernsehen sehen.

40 bis 50 Prozent der Frauen geht es so. Der Babyblues ist aber nach etwa zwei Wochen vorbei. Die Depression kennzeichnet sich dadurch, dass sie länger anhält, viele Wochenbettdepressionen beginnen sogar schon am Ende der Schwangerschaft. Die Frauen können in dieser Zeit keine Freude empfinden, haben keine Energie, interessieren sich nicht mehr für die Dinge, die sie sonst interessiert haben. Alles wirkt gedämpft und grau. Eine Depression kann jedoch viele Gesichter haben.

Interviewer: Wie meinen Sie das?

Simen: Es gibt Frauen, die den ganzen Tag grübeln. Sie drehen Gedankenschleifen: Ich habe keine Kraft, ich bin eine schlechte Mutter, ich komme nicht aus dem Bett. Diese Frauen versorgen ihre Kinder, verhalten sich dabei aber irgendwie mechanisch. Dann gibt es Frauen, bei denen große Angst im Vordergrund steht: Sie fürchten, das Kind nicht alleine versorgen zu können oder dass etwas Schlimmes passiert.

Diese Frauen stehen immerzu unter Strom, können nicht abschalten, manche haben auch Panikattacken. Andere Frauen sind in der Depression unglaublich gereizt und nicht mehr so, wie sie mal waren. Ihre Persönlichkeit ist verändert, das nehmen sie auch selbst wahr und es erschreckt sie. Und dann gibt es Betroffene, die Zwangsgedanken haben, die sich etwa vorstellen, das Kind zu schütteln oder es fallen zu lassen – das aber nie tun würden.

Interviewer: Sprechen die Betroffenen offen über solche Gedanken?

Simen: Nein, die werden meistens verschwiegen – wer so etwas denkt, sieht sich natürlich gleich mit einem Stigma konfrontiert. Die Betroffenen versuchen, diese Art der Gedanken zu regulieren, sie versuchen ständig, nicht so zu denken. Es ist wichtig zu wissen: Das sind Symptome, die verschwinden können, wenn man sich in Behandlung begibt. Gerade bei jungen Müttern ist es ratsam, dass sie frühzeitig behandelt werden: Sie müssen 24 Stunden am Tag ein Kind versorgen, können sich kaum ausruhen. Bei ihnen ist die Gefahr, dass eine Depression chronisch wird, deshalb besonders hoch.

Interviewer: Gibt es Faktoren, die die Entwicklung einer solchen Depression begünstigen?

Simen: Ja, diese Faktoren sind allerdings vielfältig. Die Gefahr, eine postpartale Depression zu entwickeln, ist etwa bei jenen Frauen erhöht, die bereits früher oder in der Schwangerschaft eine Depression hatten. Wir wissen auch, dass das prämenstruelle dysphorische Syndrom, bei dem die Frauen in den Tagen vor ihrer Periode mit erhöhter Reizbarkeit oder leichter Depressivität auf den Hormonumschwung reagieren, einen erheblichen Risikofaktor darstellt. Nicht selten haben Frauen nach einer Geburt eine Unter- oder Überfunktion der Schilddrüse, auch das kann ein Auslöser für Depressionen sein. Hinzu kommt: Veränderungen sind immer anstrengend für die Psyche, selbst wenn sie schön sind. Und die Geburt eines Kindes ist nun mal eine der allergrößten Veränderungen im Leben.

Viele denken nicht daran, dass sie eine Depression haben könnten

Interviewer: Frau Simen, die Familiengründung sieht in der Werbung oder auf Instagram meistens so aus: Eine Frau schaut glücklich auf ihren Schwangerschaftsbauch hinunter, der Partner steht ebenfalls lächelnd daneben und legt seine Hand darauf. Aber es gibt Frauen, die sich während dieser Zeit ganz anders fühlen, unter Depressionen leiden. Wie viele sind betroffen?

Simen: Etwa zehn bis 15 Prozent der Frauen haben während oder nach der Schwangerschaft eine Depression.

Auch Frauen, die psychisch vollkommen gesund waren, einen großen Kinderwunsch oder vielleicht schon ältere Kinder haben, können betroffen sein. Viele denken gar nicht daran, dass sie eine Depression haben könnten. Deswegen fällt es manchen extrem schwer, die Erkrankung zu erkennen und zu akzeptieren. Es ist eben genau dieser öffentliche Hype vom Mutterglück, der unter Druck setzt und Schuldgefühle erzeugt, wenn man Elternschaft nicht so empfindet, wie sie beworben wird.

Interviewer: Wenn es ihnen in dieser Zeit nicht so gut geht, denken manche womöglich auch erst einmal, dass sie einen sogenannten Babyblues haben. Wie unterscheidet der sich von einer Depression?

Interviewer: Der Babyblues ist überwiegend hormonell bedingt: Kurz vor der Geburt sind viele Hormone im Körper der Frauen massiv erhöht, etwa das Schwangerschaftshormon Progesteron und das Östrogen. Nach der Geburt fallen diese Hormone schlagartig ab – teilweise sogar unter die Normalwerte. Das beeinflusst die Stimmung, die Frauen können instabiler, leichter gereizt werden, sie weinen schnell, etwa wenn sie etwas Trauriges im Fernsehen sehen.

40 bis 50 Prozent der Frauen geht es so. Der Babyblues ist aber nach etwa zwei Wochen vorbei. Die Depression kennzeichnet sich dadurch, dass sie länger anhält, viele Wochenbettdepressionen beginnen sogar schon am Ende der Schwangerschaft. Die Frauen können in dieser Zeit keine Freude empfinden, haben keine Energie, interessieren sich nicht mehr für die Dinge, die sie sonst interessiert haben. Alles wirkt gedämpft und grau. Eine Depression kann jedoch viele Gesichter haben.

Interviewer: Wie meinen Sie das?

Simen: Es gibt Frauen, die den ganzen Tag grübeln. Sie drehen Gedankenschleifen: Ich habe keine Kraft, ich bin eine schlechte Mutter, ich komme nicht aus dem Bett. Diese Frauen versorgen ihre Kinder, verhalten sich dabei aber irgendwie mechanisch. Dann gibt es Frauen, bei denen große Angst im Vordergrund steht: Sie fürchten, das Kind nicht alleine versorgen zu können oder dass etwas Schlimmes passiert.

Diese Frauen stehen immerzu unter Strom, können nicht abschalten, manche haben auch Panikattacken. Andere Frauen sind in der Depression unglaublich gereizt und nicht mehr so, wie sie mal waren. Ihre Persönlichkeit ist verändert, das nehmen sie auch selbst wahr und es erschreckt sie. Und dann gibt es Betroffene, die Zwangsgedanken haben, die sich etwa vorstellen, das Kind zu schütteln oder es fallen zu lassen – das aber nie tun würden.

Interviewer: Sprechen die Betroffenen offen über solche Gedanken?

Simen: Nein, die werden meistens verschwiegen – wer so etwas denkt, sieht sich natürlich gleich mit einem Stigma konfrontiert. Die Betroffenen versuchen, diese Art der Gedanken zu regulieren, sie versuchen ständig, nicht so zu denken. Es ist wichtig zu wissen: Das sind Symptome, die verschwinden können, wenn man sich in Behandlung begibt. Gerade bei jungen Müttern ist es ratsam, dass sie frühzeitig behandelt werden: Sie müssen 24 Stunden am Tag ein Kind versorgen, können sich kaum ausruhen. Bei ihnen ist die Gefahr, dass eine Depression chronisch wird, deshalb besonders hoch.

Interviewer: Gibt es Faktoren, die die Entwicklung einer solchen Depression begünstigen?

Simen: Ja, diese Faktoren sind allerdings vielfältig. Die Gefahr, eine postpartale Depression zu entwickeln, ist etwa bei jenen Frauen erhöht, die bereits früher oder in der Schwangerschaft eine Depression hatten. Wir wissen auch, dass das prämenstruelle dysphorische Syndrom, bei dem die Frauen in den Tagen vor ihrer Periode mit erhöhter Reizbarkeit oder leichter Depressivität auf den Hormonumschwung reagieren, einen erheblichen Risikofaktor darstellt. Nicht selten haben Frauen nach einer Geburt eine Unter- oder Überfunktion der Schilddrüse, auch das kann ein Auslöser für Depressionen sein. Hinzu kommt: Veränderungen sind immer anstrengend für die Psyche, selbst wenn sie schön sind. Und die Geburt eines Kindes ist nun mal eine der allergrößten Veränderungen im Leben.